Ausbildung

Ausbildung oder Schleudergang?

Das Longieren am Halfter wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Foto: A. González

Meinung 1: Babette Teschen, Ausbilderin und Buchautorin:

„Damit das Longieren keine zu große Belastung für Sehnen, Bänder und Gelenke ist, muss das Pferd gelernt haben, in einer ausbalancierten Haltung an der Longe zu laufen. Wenn ein Pferd gut ausgebildet ist, gelernt hat, sich in eine korrekte Körperhaltung zu begeben und nicht wie ein Motorrad in Seitenlage durch die Kurve scheppert, mit weggedrücktem Rücken und in Außenstellung, dann kann man auch sehr gut am Halfter longieren und das Pferd so arbeiten und gymnastizieren. Meine Aufgabe als Longenführer ist es, das Pferd über meine Hilfengebung und Körpersprache zu animieren, in diese Körperhaltung zu kommen. Mit welchem Kopfstück mir das gelingt, ist zweitrangig. Letztendlich geht es um die Qualität der Bewegung, nicht um das Kopfstück.

Ich kenne viele Pferde, die sehr gut ausgebildet sind und auch am Halfter in einer schönen, gesunden Körperhaltung laufen, die Kraft und Muskulatur aufbaut. Zum Erlernen dieser Körperhaltung eignet sich der Kappzaum am besten. Damit kann ich dem Pferd am einfachsten die korrekte Genickstellung erklären. Ich brauche beim Longieren ja eine Hilfe, mit der ich dem Pferd sage, dass es sich der Kreislinie entsprechend biegen soll. Dafür ist ein lockeres Genick die Voraussetzung. Durch den Kappzaum, mit dem Ring mittig auf dem Nasenrücken, habe ich quasi den Beginn der Wirbelsäule in der Hand. So kann ich dem Pferd zum Beispiel durch Führen in Stellung zeigen, wie es meine Longenhilfe interpretieren soll. Ein Halfter wirkt im Gegensatz dazu für ein ungeschultes Pferd zu diffus am Kopf.

Würde ich ein junges Pferd mit einem Halfter auffordern, sich zu biegen, könnte es darauf keine korrekte Antwort geben. Wenn ich ein gut ausgebildetes Pferd am Halfter longiere, verwende ich dafür ein weiches, gut gepolstertes, relativ eng verschnalltes Halfter, damit es nicht zu sehr verrutscht und außen ans Auge kommt. Ich würde ein Halfter mit einem fest vernähten Ring bevorzugen. Knotenhalfter empfehle ich nicht. Sie sind sehr dünn und damit sehr scharf. Die Knoten liegen auf empfindlichen Nervenaustrittpunkten und können bei Einwirkung Schmerzen verursachen.

Ebenfalls kritisch sehe ich es, wenn Reiter ihre Pferde am Halfter an der Longe ausbocken lassen. Das ist wahnsinnig schädlich für Bänder, Sehnen und Gelenke. Die Scher- und Zen- trifugalkräfte und die Schräglage, die das Pferd einnimmt, sind sehr gefährlich. Die Hinterhand schert aus, die Beine werden ungleichmäßig belastet, die Pferde können nicht plan auffußen, die Gelenkflächen werden schräg belastet: Auf der einen Seite kommt es zu einer Stauchung, auf der anderen Seite wird das Gelenk auseinandergezogen. Auf Dauer kann das kein Pferd aushalten.“

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