Das Thema

Wurm rein, Wurm raus

Wurmkuren sind nicht gerade beliebt bei Pferden, aber was muss, das muss! Foto: C. Slawik

Ein ewiger Kreislauf: Über das Weidegras nehmen unsere Pferde Wurmlarven auf, im Körper entwickeln die sich zu ausgewachsenen Parasiten, die das Pferd schädigen können. Was lässt sich effektiv dagegen tun?

Dass ein Pferd im Laufe seines Lebens mit Würmern in Kontakt kommt, lässt sich praktisch nicht vermeiden, was mitunter auch gar nicht sinnvoll ist: Pferde sind  auf der Weide nahezu dauerhaft verschiedensten Endoparasiten ausgesetzt. Und selbst grasfreie Ausläufe garantieren keinen Schutz vor den unterschiedlichen Wurmarten. Was kann man als Pferdebesitzer also tun, um die Gefahr für einen schädigenden Befall mit Endoparasiten und schwere Krankheitsverläufe zu minimieren?
Um diese zwei Fragen zu beantworten, muss man sich zunächst bewusst werden, wie diese Parasiten überhaupt ins Pferd kommen: Meistens werden die Würmer als kleine Larven bei der Nahrungsaufnahme aufgenommen. Anschließend gelangen sie in den Magen oder den Darm. Manche Wurmarten vollziehen erst noch eine Wanderung durch den Pferdekörper, bevor sie sich dann endgültig im Darm zu erwachsenen Würmern entwickeln und dort ansiedeln; bei anderen fehlt diese Körperwanderung. Die Würmer legen Eier, welche mit den Pferdeäpfeln ausgeschieden werden und so wieder in die Umwelt gelangen.
Bereits auf dem Weg durch den Körper können die Parasiten Schäden anrichten wie etwa am Gewebe der Lunge oder an den Blutgefäßen. Im Darm heften sich viele Wurmarten an die Darmwand an und ernähren sich von ihrem Wirt. Die Folge: Die Schleimhaut wird geschädigt, außerdem können Verdauungsprobleme, Abmagerung oder Blutarmut auftreten. Letztendlich kann eine starke und unbehandelte Wurminfektion zu einer Kolik und im schlimmsten Fall sogar zum Tod des Tieres führen.

Wurm ist nicht gleich Wurm

Tatsächlich existieren nämlich verschiedenste Arten der Parasiten. Einige treten nur zu bestimmten Jahreszeiten auf, andere lediglich in bestimmten Regionen. Außerdem unterscheidet sich ihre schädliche Wirkung auf das Pferd. Eine besonders gefährliche Gruppe von Arten stellen die sogenannten „Großen Strongyliden“ dar.
In Deutschland werden diese Würmer eigentlich nur noch selten nachgewiesen. Aber: „Gerade haben wir eine Dissertation abgeschlossen, bei der wir Blutproben von Pferden untersucht haben. Dort fielen erstaunlich viele Tests positiv aus. Daher gehen wir davon aus, dass Große Strongyliden durchaus noch vorkommen, durch die regelmäßige Behandlung der Pferde die Infektionen aber abgebrochen und daher bei der Untersuchung von Kotproben nicht nachgewiesen werden“, berichtet Professor Dr. Georg von Samson-Himmelstjerna. Er ist geschäftsführender Direktor des Institutes für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin an der Freien Universität Berlin. Außerdem hat er den Vorsitz der deutschen Sektion des European Scientific Counsel Companion Animal Parasites (ESCCAP Deutschland e.V.). Diese Vereinigung von Parasitologen und Tierärzten hat sich zum Ziel gesetzt, Informationen zum Schutz vor Parasiten zur Verfügung zu stellen.
In diesem Zusammenhang hat ESCCAP Deutschland e.V. eine Handlungsempfehlung bezüglich des Umgangs mit Würmern bei Pferden veröffentlicht. In dieser werden einzelne Wurmarten mit ihren Spezifikationen genauer vorgestellt.
Es ist kaum vermeidbar, dass sich Pferde mit den Parasiten infizieren. Doch mit vorbeugenden Maßnahmen lässt sich zumindest die Ausbreitung der Würmer eindämmen. Vor allem eine gute Stall- und Weidehygiene spielt dabei eine große Rolle. „Ein bis zweimal pro Woche sollte man den Kot auf der Weide einsammeln. Das ist aufwändig, aber der Infektionsdruck wird signifikant reduziert“, erklärt von Samson-Himmelstjerna.
Weiterhin empfiehlt er, dass der Stall regelmäßig entmistet wird und die Boxen gereinigt werden. Dabei ist vor allem auf die Wahl eines gegen Wurmeier wirksamen Desinfektionsmittels zu achten. Von Samson-Himmelstjerna: „Bei nur circa zehn Prozent der Mittel ist das der Fall.“ Er empfiehlt zudem, neue Pferde in Quarantäne zu schicken und gegen Würmer zu behandeln, bevor sie mit den anderen Pferden auf Wiesen oder Koppeln gebracht werden. Nicht vergessen sollte man, dass der Erfolg dieser Maßnahme dann mittels Kotprobe überprüft werden muss.
Eine weitere vorbeugende Maßnahme stellt das Monitoring dar. Dabei geht es darum herauszufinden, welche Endoparasiten auf dem Pferdebetrieb  überhaupt vorkommen und wie intensiv die Pferde betroffen sind. Im nächsten Schritt gilt es zu klären, welche Wirkstoffe zur Behandlung in Frage kommen. „Wir haben Resistenzprobleme, aber die kommen eben nicht auf jedem Hof vor“, erklärt von Samson-Himmelstjerna.

Strategisch oder selektiv?

Vorbeugende Maßnahmen können das Risiko eindämmen, ein Plan zur Entdeckung und Behandlung von Infektionen ist trotzdem unerlässlich.
Aktuell existieren zwei grundsätzliche Konzepte zur Entwurmung: das strategische und das selektive.
Bei der strategischen Entwurmung werden alle Pferde nach einem auf den Betrieb zugeschnittenen und auf die jeweilige Altersgruppe der Pferde  angepassten Plan entwurmt. Regelmäßig werden dabei Kotproben der einzelnen Gruppen untersucht, um das Vorkommen einzelner Wurmarten und die Anzahl der Parasiten zu bestimmen. Es werden dabei also alle Pferde einer Gruppe unabhängig vom tatsächlichen individuellen Befall behandelt.
Genau darin liegt der Hauptunterschied zum selektiven Konzept. Bei diesem werden nämlich nicht alle Pferde einer Gruppe einer Wurmkur unterzogen, sondern lediglich diejenigen, in deren Kot eine bestimmte Mindestmenge an Wurmeiern festgestellt wurde. Diesem Konzept liegt die Annahme zugrunde, dass ein geringgradiger Befall - je nach Parasitenart - tolerabel ist.
Bei der sogenannten zeitgemäßen (+ selektiven) Entwurmung wird  der Befall mit einer Art Ampel gemessen:
Im Vorfeld werden Schwellenwerte bezüglich der Anzahl an Parasiteneiern pro Gramm Kot definiert. Im ersten Jahr der Anwendung müssen vier Kotproben pro Pferd von einem Labor untersucht werden.
Anhand dieser Ergebnisse werden die Pferde in Kategorien eingeteilt:

  • Für Pferde in der grünen Kategorie müssen im Folgejahr nur drei Kotproben eingesendet werden. Eine Wurmkur ist nicht notwendig, sofern sich der Status nicht verändert.
  • Bei Pferden in der gelben Kategorie werden vier Kotproben pro Jahr untersucht. Abhängig von der Entwicklung der Eizahl pro Gramm Kot werden die Pferde dann im dritten Jahr der grünen oder roten Kategorie zugeordnet.
  • • Pferde in der roten Kategorie müssen einer Wurmkur unterzogen werden. Bestimmte Parasiten lassen sich nur schwer im Kot nachweisen, sodass hier ein positiver Laborbefund bei einem Pferd eine Entwurmung der gesamten Gruppe zur Folge haben kann. Auch sehen manche Konzepte zur selektiven Entwurmung eine Wurmkur am Ende des Jahres für alle Pferde vor, die bis dahin nicht entwurmt werden mussten.

Vorteile & Nachteile

Ob nun die eine Methode besser als die andere ist, lässt sich kaum pauschal beantworten. Diese Entscheidung sollten Pferdebesitzer und Stallbetreiber in Absprache mit ihrem Tierarzt treffen. Entscheidend ist, dass der Entwurmungsplan auf die individuellen Gegebenheiten angepasst ist. Dabei bringen beide Konzepte natürlich ihre Vor- und Nachteile mit sich.

  • Strategische Methode: Die strategische Methode ist beispielsweise bei Fohlen und Jährlingen empfehlenswert, kann aber gleichzeitig die Bildung von Resistenzen fördern. Um diese zu vermeiden oder zumindest zu verzögern, muss die Häufigkeit des Einsatzes von Wirkstoffgruppen pro Jahr minimiert werden. Die Auswahl der einzusetzenden Wirkstoffe und ein eventueller Wechsel von Wirkstoffen sollte dabei immer nur in Absprache mit dem Haustierarzt erfolgen.
  • Selektive Methode: Bei der selektiven Entwurmung ist unterdessen nicht zu 100 Prozent belegt, inwieweit die Anzahl an Parasiteneiern pro Gramm Kot wirklich Aufschlüsse über den Befall des Tieres gibt. „Das ist meiner Meinung nach eine der Schwachstellen der Methode. Aber da sie hauptsächlich auf die nicht so gefährlichen Kleinen Strongyliden abzielt, ist das nicht ganz so schlimm, solange man bestimmte weitere Vorsichtsmaßnahmen beachtet“, sagt Professor von Samson-Himmelstjerna. Unbestritten ist dagegen, dass bei der Methode die Bildung von Resistenzen verlangsamt wird, da nicht alle Tiere dauerhaft behandelt werden. Außerdem können die Kosten mittel- und langfristig reduziert werden, wie Dr. Michael Menzel berichtet. Der Tierarzt aus Bayern hat seine Doktorarbeit zum Thema zeitgemäße (+ selektive) Entwurmung am Lehrstuhl für vergleichende Tropenmedizin und Parasitologie der Veterinärmedizinischen Fakultät an der LMU geschrieben.

Wurmkur bleibt Wurmkur

Unabhängig davon, ob man sich nun für die strategische oder die selektive Entwurmung entscheidet: Am Ende wird das Pferd – planmäßig oder aufgrund eines Befundes – mit einer sogenannten Wurmkur behandelt. In den meisten Fällen liegt diese als Paste vor, die vom Tierarzt verschrieben werden muss. Das Verabreichen übernimmt meist der Pferdebesitzer oder der Stallbetreiber. Abhängig vom Gewicht des Pferdes wird eine bestimmte Menge der Paste ins Maul gegeben. Von großer Bedeutung ist dabei, dass die Wurmkur wirklich richtig dosiert ist und das Pferd nichts davon ausspuckt.
Im Körper des Pferdes sorgt das Entwurmungsmittel dann dafür, dass die Würmer abgetötet werden. Die toten Parasiten werden anschließend mit dem Kot ausgeschieden. Die Wirkstoffe greifen dabei entweder eine bestimmte Wurmart, manchmal aber auch mehrere an. In den vergangenen Jahren haben sich die Medikamente dabei als äußerst wirksam erwiesen. Allerdings kommt es vermehrt zum Auftreten von Resistenzen.

Resistenzen im Fokus

Was Resistenzen genau sind? Man spricht davon, wenn ein bestimmtes Medikament seine Wirkung gegenüber den Würmern verliert – diese eine Behandlung also überleben. „Zu der Situation bei den kleinen Strongyliden haben wir in den vergangenen zehn Jahren keine Untersuchung durchgeführt. Allerdings waren bei der letzten Studie etwa 80 Prozent dieser Wurmart resistent gegen eine Behandlung mit Benzimidazolen. Das wird sich kaum verbessert haben“, vermutet von Samson-Himmelstjerna. Um diese Resistenzen zu verringern, empfiehlt der Professor eine Reduzierung der Behandlungsintensität – gerade bei jungen Pferden. Zudem ist es sowohl bei strategischen als auch bei selektiven Entwurmungskonzepten wichtig, dass der Erfolg einer durchgeführten Wurmkur mittels erneuter Kotprobenuntersuchungen überprüft wird, denn nur so lassen sich Resistenzen auch erkennen.
Wie gefährlich solche Resistenzen sind, hängt letztendlich von der Erregergruppe ab. Eine Unwirksamkeit bei der Behandlung gegen Spulwürmer etwa könnte gefährlich werden. Weniger dramatisch würde es sich bei den Kleinen Strongyliden verhalten, da sie seltener für eine schwere Krankheit beim Pferd sorgen. „Man sollte also nicht nur die Vermeidung von Resistenzen im Blick haben. Die Gesundheit des Pferdes ist noch immer das Primat“, betont von Samson-Himmelstjerna ausdrücklich.

Zurückhaltende Pharmaindustrie

Wie geht man in der Zukunft mit dem Resistenzproblem um? Dass Wurmarten nämlich ausgerottet werden können, erscheint eher unwahrscheinlich. „Trotz hervorragender Wirkstoffe ist uns das auch in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen. Außerdem gibt es kaum noch Firmen, die forschen. Neue Wirkungsgruppen gegen Würmer wurden jedenfalls schon lange nicht mehr entdeckt“, berichtet von Samson-Himmelstjerna.
Auch einen Impfstoff sieht er in naher Zukunft nicht. Einen solchen zu entwickeln, sei sehr komplex. Dem Professor ist auch keine Firma bekannt, die gerade explizit auf der Suche nach einem solchen ist. „In anderen Ländern gibt es zwei Wirkstoffe gegen Würmer bei Schafen und Rindern. Die sind aber nur bei einzelnen Arten einsetzbar“, berichtet er und sagt weiter: „Einen solchen Impfstoff gegen Spulwürmer zu entwickeln, wäre einer meiner Wunschträume. Aber das liegt in ferner Zukunft.“
Aktuell konzentriert sich die Forschung eher darauf, die Mechanismen hinter der Entstehung von Resistenzen zu verstehen. Das Ziel ist es, solche in der Zukunft leichter diagnostizieren zu können. Von Samson-Himmelstjerna: „Außerdem könnten wir so vielleicht Resistenzen aufheben, wenn wir den Mechanismus dahinter verstanden haben.“ Nico Nadig