Porträts

Ausbildung ist meine Berufung

Miriam Henschke mit dem nun 23-jährigen Lord Sinclair I, der bei ihr seinen Lebensabend verbringen darf: Der 2,3 Millionen D-Mark-Hengst wurde immer nur von ihr geritten.

Seit 35 Jahren ist Miriam Henschke als Ausbilderin junger Pferde bis zum Grand Prix tätig – in Ankum, auf dem Hof Kasselmann und nun in Steinhagen. Sie ritt Bundeschampions, startete bei Nationenpreisen und siegte in zahlreichen Grand Prix. Im Frühjahr wurde sie zur Zweiten Vorsitzenden des DOKR-Dressurausschusses gewählt.
Anfang des Jahres 2016 hat die Ausbilderin Miriam Henschke in Steinhagen ein Trainings- und Ausbildungszentrum für Dressurpferde eröffnet. Die gebürtig aus dem norddeutschen Sottrum bei Bremen stammende Grand Prix-Reiterin bietet auf dem idyllisch gelegenen Hof, der von Wald und Weiden umgeben ist, Unterricht für leistungsorientierte Amateur- und Profireiter ab L-Niveau an.
Eine „Neu-Westfälin“? Könnte man zunächst meinen, trifft es aber absolut nicht. Die renommierte Trainerin, die im Mai dieses Jahres zur Zweiten Vorsitzenden des DOKR-Dressurausschusses gewählt worden ist, hat ihr Herz schon lange an Westfalen verloren – und auch an einen gebürtigen Westfalen namens Friedrich Johannsmann.  Kein Unbekannter, denn ihm gehört die Spedition Johannsmann. Seit über 22 Jahren sind die beiden ein Paar und seit 2003 lebt die heute 58-Jährige gemeinsam mit ihrem Partner auf einem 2001 ausgebauten Hof in Steinhagen, der vor vielen Jahren der Sitz des RV Steinhagen war. Zusammengerechnet hat die Patchworkfamilie drei Töchter und zwei Enkelkinder. Vor anderthalb Jahren nun hat Miriam Henschke offiziell auch in Steinhagen ihren Ausbildungsstall eröffnet: neun Boxen, Reithalle und Außenviereck stehen zur Verfügung. Zuvor war sie über drei Jahrzehnte lang in Ankum und dann in Hagen am Teutoburger Wald auf dem Hof Kasselmann als Ausbilderin selbstständig. Denn der gehört ihrer Schwester Bianca Kasselmann und deren Ehemann Ullrich. Noch bis Ende 2015 pendelte Miriam Henschke täglich von Steinhagen nach Hagen, um ihre Ausbildungspferde zu reiten und internationale Kunden zu betreuen. Miriam Henschke war Nationenpreisreiterin, hat fünfmal ein Bundeschampionat gewonnen und ist Trägerin des goldenen Reitabzeichens. 2013 ritt sie ihr letztes internationales Turnier.

Gelernt bei Theodorescus

Doch der Reihe nach: Natürlich sind Miriam und ihre Schwester Bianca mit Pferden groß geworden. Die Eltern haben Pferde gezüchtet, der Vater war Viehhändler, die Mutter Mia war begeisterte Reiterin, deren Lehrmeister Walter Günther senior war, der Vater von Walter „Bubi“ Günther. Mia Buthmann bildete an der Remontenschule in Soltau junge Pferde aus, die später ihren Dienst beim Militär versahen. Die Ausbilderinnen Helga Köhler und Inge Theodorescu, die ebenfalls Remonten trainierten, waren ihre Freundinnen. Von diesen großen Namen des deutschen Reitsports profitierten die Schwestern Miriam und Bianca und sie sollten auch den Werdegang der talentierten jungen Reiterinnen prägen: Bianca lernte bei der Deutschen Meisterin und Vizeeuropameisterin im Springsattel, Helga Köhler, Miriam bei den Nationenpreis- und Olympiareitern George und Inge Theodorescu, übrigens damals in Steinhagen, später auf dem Lindenhof in Füchtorf. Der Kontakt zu Theodorescus sollte ein Leben lang bestehen bleiben.

Mit 13 Jahren schon Auktionspferde geritten
18 Jahre alt war Miriam Henschke damals und hatte schon ihre erste Dressurpony-EM in Kopenhagen absolviert. Bereits seit sie 13 war, präsentierte sie auf den Verdener Auktionen Verkaufspferde – Hans Joachim Köhler, der Ehemann von Helga Köhler, war der Initiator dieser Veranstaltungen gewesen. „Mit unserer heutigen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zusammen habe ich damals die Auktionspferde vorgestellt“, blickt Miriam Henschke schmunzelnd zurück; auch in Vechta ritt sie Auktionspferde. In ihrer reiterlichen Ausbildung folgte ein Jahr auf dem Betrieb ihrer Patentante Ursula Hegemann in Thedinghausen. Zu dieser Zeit ritt Miriam erfolgreich als Juniorin bzw. Junge Reiterin und nahm an Deutschen Meisterschaften teil. Dann begann die Zeit  in Hagen, im Betrieb ihrer Schwester und ihres Schwagers. Auktionspferde zu reiten, hatte Miriam Henschke in Verden gelernt und nun setzte sie ihr Talent auf den PSI-Auktionen ein: Die erste fand 1981 in den USA, in Newport statt, initiiert von Paul Schockemöhle und Ulli Kasselmann. „Gleich mit 47 Pferden sind wir rübergeflogen“, blickt Miriam Henschke auf die Anfänge zurück – vom Jährling bis zum ausgebildeten Dressurpferd wurden alle 47 verkauft! Die zweite folgte in Occala, Florida, und dann wurde das Erfolgsmodell PSI-Auktion zurück nach Deutschland transferiert.
Für Miriam Henschke begannen erfüllte Jahrzehnte: Ab 1982, damals war sie 24, arbeitete sie als selbstständige Ausbilderin, hatte gemeinsam mit ihrem Ehemann Ulrich Henschke einen eigenen Ausbildungsstall in Ankum mit 40 Boxen, war zudem weiterhin für den Stall Kasselmann tätig: „Junge Pferde auszubilden, war immer meine Sache“, sagt sie über ihre Berufung. Wie viele es bis heute waren, auf denen sie gesessen hat, weiß sie nicht. Es waren Tausende, so viel steht fest!
Gerne hätte sie den ein oder anderen behalten, aber sie lebte davon, ausgebildete Pferde zu verkaufen bzw. Berittpferde weiterzuentwickeln und Kunden zu trainieren. Durch ihren Schwager hatte sie aber Gelegenheit, auch ältere Pferde unter den Sattel zu bekommen und Erfahrungen zu sammeln. Georg Theodorescu gehörte nach wie vor zu ihren Lehrmeistern, und Paul Stecken und  später Franz Kuckuck kamen regelmäßig auf den Hof Kasselmann. Und noch eine Chance bot sich der jungen Miriam: „Wenn wir auf den Gröhnwohldhof fuhren, um Herbert Rehbein seine jungen Pferde vorzureiten, die er damals in Hagen ausbilden ließ, nahm er mich immer beiseite, gab mir ein älteres Pferd und sagte ‚Komm, üb‘ Einer!‘,“ blickt Miriam Henschke auf die alte Zeit zurück. Genau das sagte sie später auch ihren eigenen Schülern immer wieder: „Spüren, wie sich eine Lektion anfühlen soll“. 
Bis 1990 betrieb Miriam Henschke mit ihrem Mann den eigenen Ausbildungsstall, von 1990 bis 1995 in verkleinerter Form alleine weiter. Ihre Tochter aus dieser Ehe, Maureen Henschke, war 1997 Ponyeuropameisterin, ritt später bis zur Klasse S und  Nationenpreise, lebt heute in Hamburg. Der verkleinerte Turnierstall gab Miriam Henschke die Möglichkeit, sich etwas mehr auf den eigenen Turniersport zu konzentrieren: Da kam der Oldenburger Wallach Falstaff gerade recht, der 13-jährig, nach erfolgreicher WM-Teilnahme, in den Stall Kasselmann kam. Mit ihm holte Miriam Grand Prix-Siege, wurde in den B-Kader berufen. „Er war das erste Pferd, das ich bis zu seinem Tod behalten konnte, dank meines Schwagers“, sagt sie. Falstaff wurde noch Lehrpferd ihrer Tochter, zog mit nach Steinhagen und wurde 29 Jahre alt.

„Nur wenig Pferde lernen alles“
Napoleon und Conquistador waren weitere Grand Prix Pferde von Miriam Henschke. Und dann natürlich Lord Sinclair! Der ehemalige Doppel-Bundeschampion darf in Steinhagen seinen Lebensabend verbringen, er ist der Star im Stall, nun 23 Jahre alt, und sein Leben lang ausschließlich von Miriam Henschke geritten worden. Für sensationelle 2,3 Millionen D-Mark war er als junges Pferd über die PSI-Auktion in den Besitz der Schweizer Familie Müller gewechselt. Doch die Tochter des Hauses, für die er vorgesehen war, hat ihn nie geritten; er blieb immer bei Miriam Henschke, die ihn zum zweimaligen Bundeschampion, ‘97 und ‘98, geformt hatte und später mit ihm Grand Prix-Erfolge holte.
Steinhagen, Hagen – der Draht zu Hof Kasselmann ist nie gerissen; noch heute fährt Miriam Henschke an zwei Vormittagen wöchentlich an ihre alte Wirkungsstätte, macht Trainingspläne, bildet aus. Die Arbeit ist ihr nie langweilig geworden: „Es gibt kluge und dumme Pferde, Pferde mit sehr unterschiedlichen Charakteren. Das Interessante ist, sich in jedes hineinzuversetzen und sich auch an kleinen Fortschritten zu erfreuen. Denn grundsätzlich ist es ein weiter Weg, bis ein Pferd alles gelernt hat – und nur wenige lernen alles!“ Ihre Arbeit im DOKR-Dressurausschuss erfordert heute, dass sie die Junioren und Jungen Reiter auf dem Weg zur EM unter die Lupe nimmt: „Wir haben viele gute Reiter auf hohem Niveau“, ist sie froh. Zu ihren eigenen Musterschülern gehörten bis vor Kurzem unter  anderem die Zwillinge Leonie und Ellen Richter, die sich EM-Titel sichern konnten. Was ist die Quintessenz für Miriam Henschke aus rund 35 Jahren der Ausbildung von Reiter und Pferd? Sie zögert nicht: „Das Wichtigste ist, dass ein Pferd im Gleichgewicht ist, sich durch den Körper bewegt, über den Rücken geht und von hinten nach vorne an die Hand herantritt! Ganz entscheidend ist die Rücksicht auf die körperliche Entwicklung eines jungen Pferdes. Man lernt im Laufe der Jahre immer besser, in die Pferde hineinzuhorchen und Schwierigkeiten zu interpretieren.“ Und zeigt dem nicht-klassischen Reiten die Rote Karte: „Der deutsche Ausflug in die holländische Reitkunst war von kurzer Dauer. Dank Bundestrainerin Monica Theodorescu haben wir eine hohe Qualität in unseren Kadern.“   J. Wiedemann

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  • Miriam Henschke mit ihrer Hündin.
  • Miriam Henschke und Friedrich Johannsmann sind seit 22 Jahren ein Paar.
  • Lord Sinclair I ging 2011 seinen letzten Grand Prix mit Miriam Henschke. Als Drei- und ­Vierjähriger war er Bundes­champion unter ihrem Sattel gewesen.
  • Dank ihrer Erfolge mit dem Oldenburger Wallach Falstaff wurde Miriam Henschke seinerzeit in den B-Kader berufen.
  • Platz drei für Miriam Henschke und Falstaff (re.) hinter Klaus Balkenhol/Goldstern und Nicole Uphoff/Rembrandt.
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